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Eine Rede, eine Rede...

Eine Rede, eine Rede...

Gerade bin ich über den neusten Trend aus Amerika gestolpert: die sogenannte Speech Booth. Praktischerweise wird diese – anders als so manche Photo Booth - im Paket-Kit angeboten. Der Aufbau und die Handhabung sind laut Anbieter selbst erklärend, es wird kein Experte benötigt, der alles aufbaut und überwacht. Das Beste an der Speech Booth: Wirklich jeder Gast kann eine Rede halten – so lang er will und ohne das die anderen Gäste mit knurrendem Magen auf erkaltendes Essen starren oder vor Langeweile angesichts der 20-minütigen Rede von Großonkel Herbert einschlafen. Auch zahlreiche Freunde, die vielleicht die große Bühne scheuen kommen so zu Wort. Eine ziemlich coole Idee finde ich, und Inspiration für einen neuen Eintrag über (wer hätte es gedacht) Hochzeitsreden.
Bei Hochzeitsreden gibt es einiges zu beachten, um oben genannte Effekte zu vermeiden. Zu allererst ist natürlich einmal die Reihenfolge der Redner zu beachten. Klar, niemand springt schon vor dem Vater der Braut auf und legt mit seiner Rede los. In der Regel startet also der Brautvater, sofern nicht das Brautpaar selbst schon zur Begrüßung der Gäste eine Rede hält. Hält man es klassisch folgen die Reden des Bräutigams und dessen Trauzeugen. Heutzutage wird das alles aber etwas lockerer gesehen und auch die Eltern des Bräutigams, die Trauzeugin und die Braut selbst kommen - wenn sie denn wollen - zu Wort.
Wer eine Rede halten will, sollte natürlich aufstehen. So erweist man dem Brautpaar gegenüber Respekt und wird außerdem besser gehört und gesehen. Wie bei einem guten Referat sollte man langsam, laut und deutlich sprechen, damit auch die Menschen weiter hinten im Saal noch etwas mitbekommen. Karteikarten mit Stichpunkten sind grundsätzlich erlaubt, dennoch bietet es sich an, die Rede im Vorfeld laut vor dem Spiegel zu üben, das hilft auch gegen die eigenen Nervosität. Schnöde abgelesene, ausformulierte Reden wirken schnell monoton und langweilig. Ausnahme sind vorgetragene Gedichte oder sonstige Zitate. Die dürfen natürlich aufgeschrieben und abgelesen werden. Es empfiehlt sich aber auch hier, ab und zu Augenkontakt mit dem Publikum zu suchen.
Wir alle haben es in der Schule gelernt: Anständige Texte haben eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schlussteil. Das gilt auch für eine Rede. Die Einleitung bietet die Gelegenheit, sich kurz vorzustellen, die Gäste zu begrüßen und dem Brautpaar für die grandiose Feier zu danken. Es ist nicht nötig, sich für das Halten der Rede zu entschuldigen. Selbst wer kein grandioser Redner ist, ist doch Teil einer schönen Tradition, auf die viele Anwesende und vor allem das Brautpaar großen Wert legen.
Der Hauptteil der Hochzeitsrede ist natürlich immer an das Brautpaar gerichtet. Hier lassen sich Anekdoten über ihre Beziehung oder die eigenen, ganz persönlichen Erinnerungen zu einem der Beiden einbauen. Soll die Rede witzig gestaltet werden (wir kennen ja alle die amüsanten Reden des „Best Man“ aus den amerikanischen Filmen) sollte stets auf Taktgefühl geachtet werden. Nicht jeder der Anwesenden findet die alkoholgeschwängerten Geschichten aus der Studienzeit amüsant. Oma und Opa zum Beispiel. Keinesfalls sollten solche Geschichten ausgegraben werden, von denen der jeweilige Partner nichts weiß, oder welche dem Brautpaar die Schamesröte ins Gesicht treiben. Es ist und bleibt der Tag des Brautpaares – Punkt.
Auch das Rezitieren von Gedichten ist sehr beliebt. Im Sinne aller sollte dies jedoch auf aussagekräftige Ausschnitte beschränkt werden. Sicher, Erich Fried ist auch einer meiner Lieblingsdichter, und „Was es ist“ ist einfach schön, aber eben auch lang. Wenn man dem Brautpaar unbedingt sein (langes) Lieblingsgedicht mit auf den Weg geben will, empfiehlt sich vielleicht eher die aufgeschriebene Form als Zugabe zum Geschenk oder die Eintragung in das Gästebuch.
Auf den Hauptteil folgt logischerweise der Schlussteil. Dieser sollte dazu dienen, dem Brautpaar gute Wünsche mit auf den Weg zu geben und kann durch einen Toast (hier bitte kein Prost, Cheers, Nostrovje etc.) gekrönt werden.
Und noch etwas: auf Persönlichkeit kommt es an. Selbst wenn ihr kein Literat oder Super-Rhetoriker seid und Euch das Vortragen nervös macht. Das Brautpaar weiß Euren Einsatz mit Sicherheit umso mehr zu schätzen. Und diese Dankbarkeit ist wohl der höchste Lohn, oder? Also: Traut Euch!

Heiratet doch einfach entspannt